Experten beleuchteten im Congress Innsbruck, wie umweltbewusste Planung, Bürgerbeteiligung und ein Dialog auf Augenhöhe zum Gelingen von Großprojekten beitragen – Forderung nach mehr gegenseitigem Verständnis und Beschleunigung der Behördenverfahren

Innsbruck (31.10.2013) – Die Auflagen werden immer strenger, die Öffentlichkeit immer kritischer: Bei vielen großen Infrastrukturvorhaben ist der Umweltschutz mittlerweile das zentrale Thema. Die ibet 2013 in Innsbruck ging der Frage nach, wie notwendige Großprojekte umgesetzt und dabei gleichzeitig höchste ökologische Anforderungen erfüllt werden können.

„Umweltschutz und Infrastrukturausbau sind legitime Interessen. Allerdings müssen die Interessengruppen aufeinander zugehen und Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten zeigen“, sagte Tirols IV-Präsident Reinhard Schretter vor 125 Teilnehmern. Außerdem forderte Schretter schnellere Entscheidungen in den Behördenverfahren: „Die Entlastung der Behörde durch externe Kräfte ist dringend notwendig. Nur so kann der Investitionsstau umweltverträglich aufgelöst werden.“ Projektwerbern empfiehlt Schretter eine transparente Informationspolitik.

IHS-Studie: Wasserkraftausbau bringt wohlfahrtsökonomischen Gewinn

Hauptthemen der ibet waren ökologische Aspekte im Verkehrs- und Seilbahnbereich sowie der Ausbau der Wasserkraft. In einem umfassenden Forschungsprojekt hat das Institut für Höhere Studien (IHS) die Einstellung der Österreicher zur Wasserkraft untersucht. „Mehr als 95 Prozent der befragten Personen weisen eine sehr bis eher positive Einstellung zur Wasserkraftnutzung auf“, erklärte Markus Bliem vom IHS Kärnten im Rahmen der ibet. „92 Prozent haben eine positive Einstellung zum Bau weiterer Wasserkraftwerke entlang der österreichischen Flüsse.“ Trotz der positiven Einstellung fühlen sich 43 Prozent der Befragten grundsätzlich schlecht über die Wasserkraftnutzung in Österreich informiert. „Lediglich 18 Prozent haben von konkreten Ausbauplänen in ihrer Umgebung gehört, obwohl solche Pläne existieren.“

Mit Hilfe von direkten Bewertungsverfahren bzw. Befragungen hat das IHS im Auftrag des Klima- und Energiefonds einen detaillierten Einblick in die Präferenzen der österreichischen Bevölkerung für den Ausbau der Wasserkraft gewonnen. „Die Österreicher bewerten die Schaffung neuer Arbeitsplätze sowie die Reduktion klimaschädlicher CO2-Emissionen positiv, Eingriffe in das Ökosystem und das natürliche Landschaftsbild sind mit einem deutlichen Wohlfahrtsverlust verbunden“, sagte Bliem. Bestätigt wurde in der Studie die NiMBY-Theorie (Not in my backyard): „Die Bevölkerung ist zwar grundsätzlich für den Ausbau der Wasserkraft. Neue Anlagen sollen aber möglichst weit entfernt vom Wohnsitz errichtet werden.“

Das zentrale Ergebnis des Forschungsprojektes formuliert Bliem so: „Unter Berücksichtigung aller – positiven und negativen – Aspekte ergibt sich durch den Wasserkraftausbau in allen Szenarien ein wohlfahrtsökonomischer Gewinn.“

Pumpspeicherkraftwerke sind Geschwister von Wind- und Sonnenkraft

Bruno Wallnöfer, Vorstandsvorsitzender der TIWAG, sprach sich bei der ibet für den weiteren Ausbau der Wasserkraft als Bestandteil der nachhaltigen Energie- und Klimapolitik im Alpenraum aus. „Unter den erneuerbaren Energien leistet die Wasserkraftwirtschaft unverändert den mit Abstand größten und kostengünstigsten Beitrag mit einem anderweitig unerreichten Wirkungsgrad von mehr als 90 Prozent und einem Energieerntefaktor von 12 bis 16.“ Der Erntefaktor definiert die Effizienz eines Kraftwerks.

Pumpspeicherkraftwerke seien die grünen Batterien im System der Energiewende und zu den Geschwistern der Stromerzeugung aus Windkraft und Sonnenkraft geworden. Wallnöfer: „Die je nach Tageszeit und Wetter stark schwankenden Erzeugungsbeiträge von Wind- und Sonnenkraft erfordern zusätzliche Speicherkapazitäten und rasch verfügbare Regelenergie zur Stabilisierung der Stromnetze. Diese Funktionen können derzeit – und noch auf lange Sicht – am besten von Pumpspeicherwasserkraftwerken erfüllt werden.“ Die TIWAG trage dieser Perspektive mit der Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz um einen dritten Speichersee und ein zweites Oberstufenkraftwerk sowie mit dem geplanten Ausbau des Kaunertalkraftwerkes zu einer Kraftwerksgruppe Rechnung.

Natura 2000 schließt Projekte nicht aus

Das in Tirol heiß diskutierte Thema Natura 2000 erörterte Frank Vassen von der Generaldirektion Umwelt in der Europäischen Kommission. „Die EU-FFH-Richtlinie schließt Pläne und Projekte in Natura 2000-Gebieten nicht grundsätzlich aus, solange das Ziel der Richtlinie – die Erreichung des günstigen Erhaltungszustands der Arten und Lebensraumtypen von gemeinschaftlichem Interesse –nicht beeinträchtigt wird.“

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