Experten zeigten bei der ibet 2012, wie sich die heimischen Unternehmen im sogenannten War for talent behaupten können – „Zukunft wird älter, weiblicher und kulturell bunter“ – Trends im Personalrecruiting: Mitarbeiter werben Mitarbeiter, Internet als wichtigster Recruiting-Kanal

Rund 120 Führungskräfte und Unternehmer aus Tirol, Vorarlberg und Südtirol informierten sich beim Impulsforum ibet in Innsbruck, mit welchen Strategien Fachkräfte angelockt und auch langfristig an das Unternehmen gebunden werden können.

Employer Branding gegen Regionalgefälle
„Das Potenzial an Erwerbspersonen ist in Österreich und auch in Tirol bis 2050 stabil, allerdings gibt es große regionale Unterschiede“, erklärt Human Resources Berater Peter Aichberger. So werde die Zahl der Erwerbspersonen in Innsbruck bis 2050 um mehr als zwölf Prozent zulegen. Zuwächse sind auch für Innsbruck-Land, Schwaz, Kufstein und Imst prognostiziert. Anders schaut die Situation beispielsweise im Bezirk Lienz aus: Dort werden Rückgänge der Erwerbspersonen um 23 Prozent erwartet, eine ähnliche Entwicklung wird auch für den Bezirk Landeck berechnet. Leichtere Rückgänge soll es in Reutte und in Kitzbühel geben.

Den in den betreffenden Regionen angesiedelten Unternehmen empfiehlt Aichberger, sich auf das Thema Employer Branding zu konzentrieren: „Die dort ansässigen Betriebe müssen starke und glaubwürdige Arbeitgebermarken aufbauen, um Arbeitskräfte anzuziehen und in die Region zu bringen.“

Alter alleine ist kein Verdienst
Ein weiteres zentrales Thema, das auf die Tiroler Wirtschaft zukomme, seien ältere Mitarbeiter: „Interne Weiterbildung darf nicht mit 45 enden. Personalentwicklung zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit muss bis zum Pensionsalter betrieben werden.“ Außerdem sei Alter alleine noch kein Verdienst: „Das Gehalt wird sich in Zukunft mehr an Leistungsbeitrag und Kompetenz orientieren als an Altersklassen.“ Die Wirtschaft müsse sich zukünftig auch stärker mit der Förderung von Migranten auseinandersetzen: „Ein Migrant muss die selben Chancen vorfinden wie ein Akademikerkind. Hier liegt viel Potenzial brach, das es auch in der Arbeitswelt zu heben gilt.“

Personalrecruiting endet nicht bei der Einstellung
Nach einer erfolgreichen Besetzung einer Position im Unternehmen sei es entscheidend, neue Mitarbeiter bestmöglich zu integrieren und zu sozialisieren, plädiert Ute Mariacher, Geschäftsführerin Duftner & Partner, für den verstärkten Fokus auf die Mitarbeiterbindung: „Eine professionelle Begleitung ist gerade in den ersten Monaten weichenstellend und motivationsfördernd. Fehler in der Eingangsphase sind kostenintensiv, aber vermeidbar – zum Beispiel durch spezielle Programme zur Mitarbeiterintegration.“

Virtuelle und reale Netzwerke nutzen
Um im War for talent zu reüssieren, müssten Unternehmen auch in Zukunft auf virtuelle und reale Netzwerke setzen. Mariacher: „Zum Handwerkszeug von Personalberatern gehört es genauso, Markt- und Branchenkenntnisse zu haben, wie den Bewerbermarkt zu kennen.“ Immer öfter komme es darüber hinaus vor, dass Fachkräfte über private und berufliche Netzwerke von Mitarbeitern rekrutiert werden. „Deswegen ist der Aufbau einer Arbeitgebermarke so wichtig: Denn überzeugende Argumente kommen von innen heraus.“

In puncto Recruitingkanälen liegt das Internet auf Platz eins, Firmen vertrauen dabei vor allem auf die eigene Unternehmenswebsite und Online-Karriereportale. „Eine explizite Strategie für den Einsatz von Social Media in der Personalbeschaffung haben nur knapp 16 Prozent der österreichischen Unternehmen. Social Media ist im Tagesgeschäft des Personalmarketings noch nicht ganz angekommen“, sagt Mariacher.

Fachkräftestrategie 2012
Tirol sei ein erfolgreicher Technologiestandort mit sehr attraktiven Arbeitgebern, erklärt IV-Präsident Reinhard Schretter: „Die industriellen Technologieführer und Nischenspezialisten können in Zukunft aber nur wachsen und wettbewerbsfähig bleiben, wenn genug technische Fachkräfte die bislang erzielten Erfolge mittragen und weiter ausbauen helfen.“

In der „Fachkräftestrategie 2012“ schlägt die Industriellenvereinigung fünf Handlungsfelder vor, um den Fachkräftenachwuchs für die Betriebe flächendeckend zu sichern: So soll die Bildungs- und Berufsorientierung umfassend reformiert werden. Außerdem gelte es, die Übergänge zwischen Schule / Schule bzw. Schule / Beruf besser zu gestalten. Eine systematische Verankerung von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) im gesamten Bildungssystem wird von der IV als unerlässlich erachtet. Weiters gelte es, Migration als Chance gegen die demografische Entwicklung erkennen. Die Devise: Kein Abschluss ohne Anschluss ins Berufsleben.

Schretter: „In Tirol bieten insgesamt 98 Industrie-Lehrbetriebe eine breite Vielfalt an Lehrberufen mit interessanten Karrierechancen an. Die Betätigungsfelder im technologisch hoch entwickelten produzierenden Sektor reichen unter anderem vom Mechatroniker, Chemielaboranten, Mettalbearbeiter, Elektronik- und Kunststofftechniker bis hin zum Dreher.“

Nur eine ausgezeichnete Ausbildung könne längerfristig den Grundstein für eine weitere positive Entwicklung des gesamten Arbeitsmarktes legen. Mehrere technische Fachbereiche böten sich den jungen Tirolern als Aus- und Weiterbildungseinrichtungen an: Das Spektrum erstreckt sich von der HTL für Chemie-Ingenieurwesen ab 2013 / 2014 in Kramsach über den neuen technischen Studienzweig Mechatronik-Elektronik am MCI bis zur neuen Fachberufsschule für Wirtschaft und Technik in Kufstein. Schretter: „Zu erwähnen ist auch die Aufwertung der Bauingenieur-Fakultät an der Uni zur Technischen Fakultät. Damit ist unter anderem die Möglichkeit gegeben, durchgängig ein universitäres Bachelor-, Master- und Doktoratstudium im Bereich Mechatronik zu absolvieren.“

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